Falsche Erwartungen?


Der Storch ist wieder da! An einem verregneten Februartag mit Temperaturen kaum über Null beschließt er, sein Nest auf dem Kirchdach wieder zu beziehen.

Ich weiß noch, wie er sich im Herbst davongemacht, sich mit seinen Kollegen auf den abgeernteten, stoppeligen Feldern getroffen hat. Es erfüllt mich immer mit Wehmut, wenn er geht, und mit Freude, wenn er wiederkommt. Aber heute, hier? Wenn ich mir vorstelle, dass er das sonnige Afrika verlassen hat, um tausend Kilometer später auf einem nassen Dach zu landen, in Eiseskälte – das ist doch kein würdiger Empfang!

Aber es ist jedes Jahr so, dass ich mich frage, warum er jetzt schon kommt, so früh im Jahr, wo der Frühling noch auf sich warten lässt und der Winter mit Grau und Kälte die Natur beherrscht. Ich hätte andere Erwartungen, wenn ich mein gemütliches Nest im Warmen verlassen würde. Doch offensichtlich gehört das so für den Storch … und für mich? Wie ist das mit meinen Erwartungen an das Leben? Spontan wünsche ich mir natürlich Wärme, Schutz, Versorgung und ein angenehmes Willkommen. Doch steht mir das zu? Entsteht nicht eine Menge Unzufriedenheit aus der Tatsache, dass ich mit falschen Erwartungen an etwas herangehe?

Ich finde, es ist eine schwere Balance zwischen missmutiger Schwarzseherei, die immer das Schlechteste erwartet, und übertriebener Begeisterung, die dann enttäuscht wird. Ich möchte offen sein, Schönes zu erleben, aber auch nicht frustriert, wenn ich im Regen stehe.

Der Storch scheint einiges aushalten zu können: die Sonne Afrikas, den lange Flug, den Regen in Ihringen. Er ist anpassungsfähig. Das ist doch ein gutes Beispiel: Anpassungsfähig sein und dann aushalten, was anstrengend ist oder genießen, was schön ist. Ich freue mich schon auf das erste Klappern des Storchenschnabels – aber dafür braucht es ein trockenes Nest und blauen Himmel. Sonst hat sogar mein Storch keine Lust, das Leben zu feiern.

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