Gedanken am Meer

Gedanken am Meer

Endloses Wasser, Wellen, Gischt, unser Boot, das in die Dünung taucht. Ich liebe es, am Meer zu sein. Die unglaubliche Macht des Wassers, die Unendlichkeit, der Übergang vom Meer zum Horizont, die Farben, der Wind, der Duft nach Fisch und Tang, das Salz auf der Haut, die Sonne im Gesicht … Was für ein Gott muss das sein, der das Meer in seiner Unfassbarkeit geschaffen hat? Dazu die unzählbaren Bewohner, vom winzigen Plankton bis zum riesigen Blauwal? Nicht zu vergessen die Seepferdchen, die Quallen, die Krebse mit ihrem lustigen Seitwärtsgang – Gott muss Spaß gehabt haben, als er sich diese Vielfalt ausdachte.

Für mich ist das Meer immer auch ein Gleichnis für das Leben: unüberschaubar, unberechenbar, wunderschön und gleichzeitig bedrohlich. Was im einen Moment eine beeindruckende Welle ist, kann im nächsten unser Schiff zum Kentern bringen. Was ich von oben als gurgelnde und sprudelnde Gischt beobachte, kann mich, wenn ich reinfalle, in unergründliche Tiefen reißen und in Kürze vernichten. Ist unser Leben nicht auch so? In manchen Momenten fühlen wir uns so lebendig, so gut, so erfüllt und mit uns und unserer Geschichte versöhnt. Und nur wenig später kann etwas passieren, das alles infrage stellt, wir fühlen uns klein, ungenügend, überfordert.

Mein Wunsch und Ziel ist es, in allen Meer- und Lebensmomenten Gottes Größe, Macht und Liebe im Blick zu behalten und zu vertrauen, dass er mich ausrüstet und bewahrt. Wenn die See ruhig ist oder ich im sicheren Hafen vor Anker liege, will ich genießen und dankbar sein. Wo es bedrohlich und herausfordernd wird, will ich weitergehen und vertrauen, dass Gott mich ausgerüstet hat. Und dort, wo ich drohe unterzugehen, weiß ich mich von dem gehalten, dem sogar Wind und Wellen gehorchen.

„Wenn du durch tiefes Wasser oder reißende Ströme gehen musst – ich bin bei dir, du wirst nicht ertrinken.“ Jesaja 43.2

Falsche Erwartungen?


Der Storch ist wieder da! An einem verregneten Februartag mit Temperaturen kaum über Null beschließt er, sein Nest auf dem Kirchdach wieder zu beziehen.

Ich weiß noch, wie er sich im Herbst davongemacht, sich mit seinen Kollegen auf den abgeernteten, stoppeligen Feldern getroffen hat. Es erfüllt mich immer mit Wehmut, wenn er geht, und mit Freude, wenn er wiederkommt. Aber heute, hier? Wenn ich mir vorstelle, dass er das sonnige Afrika verlassen hat, um tausend Kilometer später auf einem nassen Dach zu landen, in Eiseskälte – das ist doch kein würdiger Empfang!

Aber es ist jedes Jahr so, dass ich mich frage, warum er jetzt schon kommt, so früh im Jahr, wo der Frühling noch auf sich warten lässt und der Winter mit Grau und Kälte die Natur beherrscht. Ich hätte andere Erwartungen, wenn ich mein gemütliches Nest im Warmen verlassen würde. Doch offensichtlich gehört das so für den Storch … und für mich? Wie ist das mit meinen Erwartungen an das Leben? Spontan wünsche ich mir natürlich Wärme, Schutz, Versorgung und ein angenehmes Willkommen. Doch steht mir das zu? Entsteht nicht eine Menge Unzufriedenheit aus der Tatsache, dass ich mit falschen Erwartungen an etwas herangehe?

Ich finde, es ist eine schwere Balance zwischen missmutiger Schwarzseherei, die immer das Schlechteste erwartet, und übertriebener Begeisterung, die dann enttäuscht wird. Ich möchte offen sein, Schönes zu erleben, aber auch nicht frustriert, wenn ich im Regen stehe.

Der Storch scheint einiges aushalten zu können: die Sonne Afrikas, den lange Flug, den Regen in Ihringen. Er ist anpassungsfähig. Das ist doch ein gutes Beispiel: Anpassungsfähig sein und dann aushalten, was anstrengend ist oder genießen, was schön ist. Ich freue mich schon auf das erste Klappern des Storchenschnabels – aber dafür braucht es ein trockenes Nest und blauen Himmel. Sonst hat sogar mein Storch keine Lust, das Leben zu feiern.

Endstation Sehnsucht?

Tennessee Williams – A Streetcar named Desire – Erinnerungen an den Englischunterricht: Im Zentrum steht eine Frau, deren Sehnsucht nach Leben immer größer wird, während die Realität immer weiter davon abweicht. An der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit zerbricht die Frau und landet im Irrenhaus.

Ich denke, das könnte unser aller Geschichte sein: Wenn wir unsere Sehnsucht ganz ernst nehmen und die Realität betrachten, könnten wir daran irre werden: Schmerz, Leid, Tod, Gewalt – die Liste ist lang, wenn sie für die Allgemeinheit gilt, und für jeden von uns gibt es Bereiche, wo es nicht so ist, wie wir es uns wünschen.

Ich bin überzeugt davon, dass Sehnsucht unser Lebensgrundgefühl ist: Wir werden mit Hunger geboren: nach Nahrung, nach Nähe, nach Liebe. Babys, die nur ernährt, aber nicht liebevoll berührt werden, gehen ein wie Blumen ohne Wasser. Das bleibt so: Die Sehnsucht nach dem wahren Leben geht nicht verloren, aber sie äußert sich anders. Es sei denn, wir verdrängen sie ganz tief in uns.

Was bewegt mich? Was sind Momente, die mein Herz berühren, eine Sehnsucht wecken, die ich vielleicht gar nicht benennen kann? Momente, die mir Tränen in die Augen treiben, weil sie mich berühren, einen Winkel im Herzen, der empfänglich ist für die Sehnsucht.

Die Sehnsucht ist wie ein Kompass, der uns im unwegsamen Gelände des Lebens den Weg zeigt.

Die Frage ist, welches Ziel unsere Sehnsucht hat. Meine Sicherheit ist, dass Gott allein meine Sehnsucht nach Leben stillen kann, denn er hat mich mit diesem Lebenshunger geschaffen. Und nur, wenn er meine Sehnsucht stillt, bin ich in der Lage, dieses Leben zu schaffen, mit allem, was es mir schenkt und verweigert.